Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Abdülhamid II.

Abdülhamid II., osmanischer Sultan 1876-1909, * Istanbul 21.09.1842, † ebd. 10.02.1918, Sohn Sultan Abdülmecids I. und der Tscherkessin Tirimüjgan.

Leben

A. hatte eine freudlose Jugend. Seine Mutter starb früh und von seinem Vater fühlte er sich kalt behandelt. Er wurde unregelmäßig von muslimischen Geistlichen und Ausländern unterrichtet, erwarb sich Kenntnisse im Arabischen und Persischen und beherrschte Französisch mangelhaft. In der Jugend interessierte er sich für Pferdesport und Landwirtschaft. Er hatte ein Landgut und betrieb ein Bleiglanzbergwerk. Er war intelligent, nüchtern, religiös und nachdenklich, was sich durch seine späteren Lebenserfahrungen zu düsterem Mißtrauen wandelte.
Nach der vorzeitigen Absetzung seines Bruders Murad V. wurde er Sultan und Kalif. Die fortschrittlich gesonnenen Kreise, an ihrer Spitze Midhat Pascha, hofften, daß A. sich bewegen lassen würde, seinem Reich eine nach westlichem Vorbild ausgerichtete Verfassung zu geben. Seit dem Beginn der Tanzimat, d. h. der Reformen, war eine Fortschrittsatmosphäre geschaffen, die jenes Kräftespiel auslösen sollte, das das Leben der Türkei zwischen gestern und heute geformt hat. Dieser Bewegung politischer und kultureller Natur konnte A. sich nicht entziehen, obwohl er persönlich zu einem autoritären, absolutistischen Regime neigte. Seine wahre Gesinnung trat schon bald durch die Absetzung und Verbannung des bedeutenden Staatsmannes und Reformers Midhat Pascha zutage, den er 1883 in Taif (Hidsdias) im Gefängnis erdrosseln ließ.
Zur Zeit seiner Thronbesteigung stand die Pforte in einem siegreichen Krieg mit Serbien und Montenegro. Um einer Intervention der Großmächte entgegenzuwirken, besonders durch das aggressive Verhalten Rußlands bewogen, veranlaßte er im Einverständnis mit Midhat Pascha eine internationale Konferenz in Istanbul, die am 23. Dezember 1876 begann und an der Delegationen aus Rußland, England, Frankreich, Österreich-Ungarn, Deutschland und Italien teilnahmen. Kurz nach der Eröffnung teilte der Präsident der Konferenz, der osmanische Außenminister Safvet Pascha, mit, daß durch ein allerhöchstes Handschreiben (Hatt-i humayun) die Einführung der konstitutionellen Verfassung (Kanun-i esasî) soeben erfolgt sei. Die Verfassung sah die Einrichtung einer parlamentarischen Konstitution mit einem Zweikammersystem (Senat und Abgeordnetenkammer) vor. Das Parlament trat am 17. März 1877 zum erstenmal zusammen und wurde schon am 13. Februar 1878 auf unbestimmte Zeit vertagt.
Am 31. März 1877 hatten die Großmächte von sich aus eine Zusammenfassung der auf der Botschafterkonferenz zu Istanbul behandelten Themen im sog. Protokoll von London festgelegt, das auf Widerstand bei der Pforte stieß. Auf diesen Widerstand hin erklärte Rußland am 23. April 1877 der Pforte den Krieg. Dieser endete mit einer Niederlage der Pforte und führte zum Waffenstillstand von San Stefano (3.03.1878) und zum Berliner Kongreß, abgeschlossen am 13. Juli 1878. Der zweite Krieg während seiner Regierungszeit war der gegen die Griechen vom 18. April bis 3. Juni 1897. Trotz des Sieges konnte die Pforte im Friedensschluß von Istanbul (13.11.1897) keine nennenswerten Vorteile erzielen.
In Genf hatte sich 1891 das Komitee für „Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve terakki, Union et Progrès) gebildet, das 1906 nach Saloniki übersiedelte und Einfluß auf das 2. und 3. in Mazedonien stehende Armeekorps gewinnen konnte. Sprecher der freiheitlichen Offiziere waren der Vizemajor Niyazi Bey in Monastir (heute Bitolj) und der Major Enver Bey in Saloniki, der spätere Enver Pascha. Die mazedonischen Armeekorps setzten sich gegen Istanbul in Marsch. A. versuchte die Revolution aufzuhalten, indem er am 24. Juli 1908 die Verfassung wieder in Kraft setzte. Pressezensur und Spitzelwesen wurden sofort beseitigt. Im Dezember 1908 eröffnete A. das neue Parlament (280 Mitglieder, davon 18 Griechen, 4 Bulgaren, 2 Serben, 2 Juden, 2 Armenier). A. gab jedoch den Widerstand gegen die Ziele des Komitees nicht auf und förderte die Bildung einer Oppositionspartei (Ittihad-i mehemmediye, mohammedanische Einheitspartei) sowie die Erstarkung der Reaktion. Am 31. März 1909 brach in Istanbul eine von A. gelenkte Militärrevolte aus, die den Marsch des Operations- (auch Freiheits-)Armee genannten mazedonischen Korps unter dem Kommando des Mahmud Şevket Pascha auf Istanbul veranlaßte. Die z. T. schweren Kämpfe gegen die reaktionären Truppen endeten mit dem Sieg der Operationsarmee und der Umstellung des Sultanspalastes von Yıldız. Die Absetzung A.s durch die beiden Kammern des Parlaments und durch die Fetwa des Schejch ül-Islam erfolgte am 28. April 1909. Sein Bruder Mehmed V. Reşad wurde sein Nachfolger. A. wurde nach Saloniki gebracht, von wo er bei Ausbruch des Balkankrieges 1912 nach Istanbul zurückgeführt wurde.
In der Außenpolitik sah A. das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn als Freunde oder mindestens Helfer vor allem gegenüber der russischen Gefahr. Er hegte tiefes Mißtrauen gegenüber Großbritannien, das zu seiner Zeit ein mächtiger politischer Faktor besonders in den arabischen Teilen des Osmanischen Reiches war. Seine Abneigung gegen Frankreich war weltanschaulich bedingt, auch mißtraute er dessen kulturellem und wirtschaftlichem Einfluß. Er hatte klar erkannt, daß die Bulgaren Handlanger der russischen Politik auf dem Balkan waren und erhoffte von den Griechen einen gewissen Rückhalt gegen diese. Rumänien erschien ihm als der natürliche Verbündete Österreich-Ungarns. Deshalb hielt er die madjarische Innenpolitik gegenüber der rumänischen Minderheit in Ungarn für schädlich.
In innenpolitischer Hinsicht schien A. geneigt, dem Parlament eine gewisse Rolle besonders in budgetärer Hinsicht zuweisen zu wollen. Die Ministerverantwortlichkeit sollte nach dem Vorbild von Deutschland und Österreich gestaltet werden. Jedoch stand er der Idee einer konstitutionellen Monarchie innerlich ablehnend gegenüber. Zum erstenmal hatte ein osmanischer Sultan der Neuzeit eine absolute Herrschaft errichtet und durch Einflußnahme seines „Palastes“ die Macht der „Hohen Pforte“ gemindert, die bisher eine ausschlaggebende Rolle in der Innen- und Außenpolitik gespielt hatte. Sein Hang, alle Geschäfte persönlich zu führen, überstieg seine Kraft und ließ ihn, dauernd von Mißtrauen gejagt, ein engmaschiges Netz von Spitzeln und Zuträgern flechten. Er war auch nicht in der Lage, die Armenierverfolgungen abzustellen. Sein Mißtrauen nahm pathologische Formen an, so daß er ärztliche Hilfe scheute, sich selbst Medikamente mischte, sich die Zähne zog, sich rasierte. Eine strenge Zensur behinderte Wort und Schrift. Aus Furcht vor Revolten beschränkte er die Geländeübungen der Istanbuler Garnison.
A. war überzeugter Panislamist. Zu dieser Haltung gehörte auch eine gewisse Vorliebe für die Araber und die Durchsetzung des Baues der Hidschasbahn. Obwohl er die religiösen Vorschriften streng beobachtete und ein orthodoxer Sunnite war, wurde er Mitglied des Derwischordens der Kadiriye.
Trotz der autokratischen Herrschaft A.s waren die durch die Reformbewegung ausgelösten Bestrebungen nach Umgestaltung des inneren Lebens des Osmanischen Reiches auch weiterhin wirksam. Dafür sorgten u. a. auch die dauernden Interventionen der Großmächte.

Literatur

Charmes, G.: L'Avenir de la Turquie. - Le Panislamisme. Paris 1883.
Lamouche: Histoire de la Turquie depuis les origines jusqu’ à nos jours. Paris 1934.
Duda, Herbert W.: Vom Kalifat zur Republik. Die Türkei im 19. und 20. Jahrhundert. Wien 1948.
Karal, Enver Ziya: Osmanli Tarihi. Bd 8. Birinci Meşrutiyet ve Istibdat Devirleri 1876-1907. Ankara 1962 (mit Bibliographie).
Haslip, Joan: Der Sultan. Das Leben Abdul-Hamids II. (Dt. Übersetzg.). München 1968.

Verfasser

Herbert Wilhelm Duda (GND: 131826174)

GND: 118646435

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