Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Ahmed Muhtar Pascha

Ahmed Muhtar Pascha, Gazi, osmanischer Heerführer und Staatsmann, * Bursa 1.11.1839, † Istanbul 21.1. 1919, Sohn eines Beamten.

Leben

A. absolvierte die Kriegsschule in Bursa und die Kriegsakademie in Istanbul und nahm danach als Generalstabsoffizier an den Kämpfen in der Herzegowina und in Montenegro teil. Auf seinen Erfolg am Ostrok-Paß hin beorderte man ihn an die Kriegsakademie in Istanbul, wo er Pionierwesen und Festungsbau unterrichtete. 1866 wurde er mit dem Range eines Oberstleutnants zum Prinzenerzieher ernannt und begleitete den Sultan Abdülaziz auf einer Europareise. Danach hielt er sich mit einem Grenzbegradigungsausschuß für Montenegro in der Herzegowina und in Skutari auf.
1869 beförderte man A. zum Oberst und schon 1870 konnte er als Generalmajor in Arabien den Asir-Aufstand niederwerfen. Ein Jahr danach wurde er Generalleutnant und Gouverneur des Yemen und mit 33 Jahren erreichte er den höchsten militärischen Rang, Feldmarschall. Nach kürzeren Aufenthalten als Befehlshaber der osmanischen Truppen auf Kreta, in Şumnu und in Erzurum wurde A. 1875 nach Bosnien und der Herzegowina geschickt, wo Aufstände ausgebrochen waren. Die anfänglichen Erfolge, die A. erringen konnte, nachdem er am 13. Januar 1876 in Mostar angekommen war, wie z. B. die Freikämpfung der Straße Trebinje-Ragusa, konnten wegen der Intervention der Österreicher und der heimlichen Hilfeleistungen der Serben und Montenegriner an die Aufständischen nicht fortgesetzt werden. Die Rebellion griff im Gegenteil nach Bosnien über. Die Verhandlungen in Storina blieben erfolglos. Nach der Kriegserklärung der Serben und der Montenegriner erfochten die letzteren am 27. Juli 1876 einen großen Sieg bei Vučidol.
Der in die Hauptstadt zurückbeorderte A. bestand auf einer Grenzbegradigung und sprach sich gegen einen Krieg mit Rußland aus, wurde aber nach dessen Ausbruch an eben dieser Front eingesetzt. Er konnte die Russen aus Kars zurückdrängen und gewann außerdem die Kämpfe bei Halyas, Zivin und Yahniler (1877), wofür er den Beinamen ,Gazi‘ erhielt. Obwohl diese Siege den Verlauf des Krieges nicht wesentlich änderten, ging A. durch seine Führungsfähigkeiten und Kampftaktik in die Kriegsgeschichte ein.
1878 war A. wieder in Istanbul, wo er mit dem Aufbau der Çatalca-Verteidigungslinie beauftragt wurde. Der Konflikt mit dem Serail jedoch, der wegen der Aufstellung des Heeres entstand, zwang ihn, sich zurückzuziehen. Nach dem Abschluß der Verträge von St. Stefano und Berlin ging er mit Reformabsichten nach Kreta, wo er den Halepa-Vertrag in die Wege leitete. Darauf ging er nach Monastir, um dort die Vorarbeiten der Grenzbegradigung mit Montenegro zu leisten. Inzwischen gingen die Aufstände in Albanien weiter. A. schlug die Errichtung einer eigens für Rumelien bestimmten Verwaltung vor. Dieser Vorschlag brachte ihm aber außer heftigen Kritiken seiner Gegner nichts ein, und 1880 mußte er sein Entlassungsgesuch einreichen. Trotzdem nahm er 1881 an dem Kongreß der Wesire, deren Aufgabe es war, die Grenzziehung mit Griechenland zu beraten, als Kommissar teil. 1883 wurde er von Abdülhamid II. nach Deutschland entsandt. 1892 mußte er einen Aufstand in Ägypten niederwerfen und blieb dort bis 1908. Nicht zuletzt war dieser Aufenthalt in Ägypten aber auch eine Verbannung, zurückgehend auf den Konflikt mit dem Serail. Deswegen spielte der Pascha bei der Entthronung Abdülhamids II. eine große Rolle. Nachdem er nach Istanbul zurückgekehrt war, wurde er Mitglied im Âyân Meclisi und stellvertretender Vorsitzender desselben. 1909 mußte er wegen seines Alters aus dem Militärdienst entlassen werden. Aus Anlaß der Thronbesteigung Mehmeds V. Reşad unternahm er diplomatische Reisen nach England, Frankreich und Italien. Danach wurde er noch Vorsitzender des Âyân Meclisi und 1912 Großwesir. Sein Kabinett erhielt den Namen „Das große Kabinett“, weil ihm noch drei ehemalige Großwesire angehörten. Da dieses Kabinett jedoch den Krieg in Tripolis und den Balkankrieg nicht zu verhindern vermochte, mußte A. zurücktreten.
A. nahm bis zum russisch-türkischen Krieg an vierzig Kämpfen als Oberbefehlshaber der anatolischen Armee teil. Sein strategisches und taktisches Talent war über die Grenzen des Landes bekannt - so auch bei Moltke. Er beschäftigte sich ebenfalls mit Mathematik und Astronomie. Bekannt wurde A. auch durch seine Umrechnungstabelle des Finanzjahres in das islamische und das christliche Kalenderjahr. Seine Memoiren zählen zu den Hauptquellen seiner Zeit.

Literatur

Luṭfi Simâvî: Sultân Meḥmed Rešad Ḥân’ın ve Ḥalefinin Sarâyında Gördüklerim. Istanbul 1922.
Uşaklıgil, Hâlid Ziya: Saray v Ötesi. 3 Bde. Istanbul 1940/41.
Bayur, Y. Hikmet: Türk inkılâbi tarihi. Bd 1-3. Istanbul, Ankara 1940/64.
Inal, Ibnülemin Mahmut Kemal: Osmanlı Devrinde Son Sadrâzamlar. Istanbul 1951.

Verfasser

Buğra Atsız (GND: 119238519)


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