Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Mahmud II.

 Mahmud II., osmanischer Sultan 1808-1839, * Istanbul 20.07.1785, † ebd. 01.07.1839, Sohn Sultan Abdülhamids I., die angeblich französische Herkunft seiner Mutter Nakşidil (Marie Marthe Aimée Dubuc de Rivéry aus Martinique) läßt sich nicht beweisen.

Leben

 M. erhielt im Palast eine gewisse Ausbildung und fand auch Gelegenheit, sich für die unter seinem Onkel Selim III. eingeleiteten militärischen Reformen zu interessieren. Nach dem Sturz Selims III. (29.05.1807) und einer kurzen Herrschaft seines Bruders Mustafa IV. wurde er am 28. Juli 1808 von den Reformern unter Alemdar Mustafa Pascha auf den Thron gesetzt. Bei einem neuen Janitscharenaufstand ließ er seinen Vorgänger erwürgen (17.11.1808); dennoch konnte er sich als einziger überlebender Angehöriger der Dynastie Osman nur mit Mühe behaupten. Der Krieg mit Rußland, seit dem Waffenstillstand von Slobozia (24.08.1807) unterbrochen, begann erneut im März 1809 und führte 1810 zum Verlust des größten Teiles von Donaubulgarien; türkische Erfolge im kommenden Jahr hatten nur vorübergehende Wirkung. Der Friede von Bukarest (28.05.1812) überließ Bessarabien den Russen, die dafür die rumänischen Fürstentümer räumen mußten. Auch Serbien gaben sie den Türken preis; diese konnten ihre Herrschaft wieder einrichten und wurden erst durch den neuen serbischen Aufstand von 1815 unter Miloš Obrenović zur Anerkennung der Autonomie gezwungen; die Verhandlungen über den Status und die Grenzen des neuen Fürstentums zogen sich indessen bis 1830 bzw. 1833 hin. Der Anarchie in den osmanischen Provinzen konnte in einigen Fällen Einhalt geboten werden (April 1814 Besetzung von Mostar, August 1820 bis Januar 1822 Belagerung von Janina und Überwindung von Tepedelenli Ali Pascha, in Asien mit Hilfe der ägyptischen Armee 1818 Vernichtung des Wahhäbitenstaates), doch wurde eine feste Bindung an die Zentrale nur selten erreicht. Dem griechischen Aufstand waren Unruhen in den Donaufürstentümern vorangegangen; im März 1821 überschritt Alexandros Ipsilantis den Pruth mit einer kleinen Gruppe griechischer Revolutionäre, der rumänische Bauernführer Tudor Vladimirescu kämpfte gegen die griechische Vorherrschaft. Beide scheiterten, doch das Regiment der Fanarioten ging zu Ende. Die Griechen der Morea erhoben die Fahne des Aufstandes am 6. April 1821. M. soll daraufhin die Niedermetzelung aller Griechen in seinem Reiche erwogen haben und nur durch den für seine Aufrichtigkeit bekannten Schejch ül-Islam Haci Halil Efendi davon abgebracht worden sein. Immerhin setzte eine begrenzte Griechenverfolgung ein, und der Patriarch Grigorios V. wurde am Außentor des Patriarchats erhängt. Rußland intervenierte und brach die Beziehungen zur Türkei ab, Fürst Metternich suchte zu vermitteln, die britische Haltung begann ab 1823 griechenfreundlich zu werden. Nachdem der ägyptische Vali Mehmed Ali bereits mit der Niederwerfung der Aufständischen auf Kreta betraut worden war, erschienen seine Truppen im Februar 1825 auch auf der Morea und brachten die längst unter sich zerstrittenen Griechen in ernste Bedrängnis. Verhandlungen der Großmächte in St. Petersburg 1824 und 1825 zerschlugen sich, da M. in der griechischen Frage keine Vermittlung annehmen wollte. Der Vertrag von Akkerman am 7. Oktober 1826 regelte das türkisch-russische Verhältnis und die Fage in den Fürstentümern; die Griechen, die am 23. April des gleichen Jahres ihre stärkste Festung Mesolongion verloren hatten, wurden nicht erwähnt. Inzwischen hatte M., bestärkt durch die Erfolge der neuzeitlich ausgebildeten ägyptischen Truppen, die Abschaffung der Janitschareneinheiten und die Aufstellung moderner Militärverbände beschlossen und hierzu eine Reihe von Staatsmännern und Heerführern gewonnen. Der Widerstand der Janitscharen gegen die neuen Truppen führte am 16. Juni 1826 zu ihrer Vernichtung in der Hauptstadt und anschließend in den Provinzen. Danach folgten Aktionen gegen den Orden der Bektaşi, der den Janitscharen stets nahegestanden hatte. Die neuaufgestellten Einheiten waren jedoch noch nicht in der Lage, die Türkei in den kommenden Jahren vor schweren Niederlagen zu bewahren. In der griechischen Frage blieb M. gegenüber den Großmächten weiter unbeugsam; so kam am 6. April 1827 zu London eine Tripelallianz zwischen England, Rußland und Frankreich zustande. Erst im Oktober ersuchte die Pforte Fürst Metternich, zwischen ihr und der Allianz zu vermitteln, doch fast gleichzeitig wurde (am 20.10. 1827) die türkisch-ägyptische Flotte bei Navarino vernichtet, und die Türkei brach im Dezember die diplomatischen Beziehungen zum Dreibund ab. 1828 brachte einen neuen Krieg mit Rußland (April), die Räumung der Halbinsel Morea durch die Ägypter und die Landung von 10 000 Franzosen in Kalamata (August) und die Unterstellung der Morea und der Kykladen unter den Schutz der Tripelallianz (16.11.; am 22.03.1829 auch Einbeziehung von Livadien). 1829 verloren die Türken Silistra und Erzurum (Juni), dann auch Edirne (20. VIII.). Der Friedensvertrag vom 14. September 1829 im gleichen Ort bestimmte für die europäische Türkei u. a. den Talweg der Donau als Grenze, die Ernennung der rumänischen Fürsten auf Lebenszeit und die Zahlung einer Kriegsentschädigung an Rußland; letztere wurde bald reduziert, doch Silistra bis 1836 als Pfand besetzt gehalten. Die Unabhängigkeit Griechenlands mußte die Türkei mit dem Londoner Protokoll vom 3. Februar 1830 anerkennen; im gleichen Jahr ging Algerien an die Franzosen verloren. Andererseits konnte eine Stärkung der Zentralgewalt 1830/31 in Albanien, Bosnien und Bagdad erreicht werden. Die folgenden Jahre wurden durch das Verhältnis zwischen der Pforte und Ägypten bestimmt. Mehmed Ali hatte 1830 die Statthalterschaft über Kreta erhalten. 1831 marschierte sein Sohn Ibrahim gegen den Pascha von ‘Akka und weiter nach Syrien. M. ließ daraufhin beide zu Rebellen erklären, doch die osmanischen Truppen unter Ağa Hüseyin Pascha und später Mehmed Reşid Pascha wurden mehrfach geschlagen, zuletzt am 21. Dezember 1832 bei Konya. Eine russische Flotte fuhr, von den Türken gerufen, in den Bosporus ein (20.02.1833), während die Franzosen mit Ibrahim Pascha verhandelten. Im Frieden von Kütahya (04.05.1833) mußte die Türkei ganz Syrien und Kilikien an den ägyptischen Vasallen abtreten; die Russen zogen nach dem Abschluß des Defensivbündnisses von Hunkâr Iskelesi (am Bosporus gegenüber von Tarabya) am 8. Juli 1833 wieder ab. Während in Albanien und Bosnien 1835-1837 neue Aufstände ausbrachen, gelang es M., in Libyen ab 1835 den Einfluß der Pforte wiederherzustellen. Vor einem Vorgehen gegen Ägypten hielten ihn die Großmächte zunächst zurück, aus Preußen kamen 1836/37 die ersten Militärinstrukteure, (so Helmuth von Moltke u. a.). Im Frühjahr 1837 unternahm M. eine Reise in die europäische Türkei bis Silistra und Ruse (Ruscuk); im Herbst besuchten ihn in Istanbul die Prinzen August und Adalhert von Preußen und Erzherzog Johann von Österreich. In der Staatsverwaltung bemühte er sich um Modernisierung durch Einrichtung von Ministerien (ab 1835), die (vorübergehende) Abschaffung des Großwesirates und seine Ersetzung durch ein Ministerpräsidium (1838), die Einführung eines Postdienstes (1834), der geordneten Beamtenbesoldung (1838), eines Staatsanzeigers (Takvîm-i vakayi'; 1831), einer Kleiderreform (ab 1828) usw. Der ägyptische Vali Mehmed Ali erstrebte die Erbstatthalterschaft für alle seine Provinzen, während M. zu einer solchen nur für Ägypten, Palästina und den Libanon bereit war. Am 7. Juni 1839 wurde Mehmed Ali erneut zum Rebellen erklärt; ein Zusammenstoß der Truppen beider Seiten am 24. Juni bei Nizip endete für die Osmanen unter Hafiz Pascha mit einer Katastrophe. M. erlebte die Niederlage nicht mehr, da er noch vor dem Eintreffen der Nachricht in Istanbul gestorben war.

Literatur

Rosen, G[eorg]: Geschichte der Türkei von dem Siege der Reform im Jahre 1826 bis zum Pariser Tractat vom Jahre 1856. Bd 1. Leipzig 1866.
Ahmed Lûtfi: Tarih-i Lûtfi. Band 1-6. Istanbul 1290-1303/1873-86.
Ahmed Cevdet: Tarih-i Cevdet. Bd 9-12. Istanbul 1292-1302/1875-85 (1309/1891(2); Neuausgabe Istanbul 1974).
Iorga: Bd 5.
Sax, Carl Ritter von: Geschichte des Machtverfalls der Türkei bis Ende des 19. Jahrhunderts. Wien 1913(2).
Karal, Enver Ziya: Osmanlı tarihi. Bd 5. Ankara 1961(2).
Lewis, Bernard: The Emergence of Modern Turkey. London 1961.


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