Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Rudolf II.

Rudolf II., römischer Kaiser 1576-1612, König von Böhmen 1575-1611, als Rudolf I. König von Ungarn 1572-1608, * Wien 18.07.1552, † Prag 20.01.1612, ältester Sohn Kaiser Maximilians II. und der Erzherzogin Maria, einer Tochter Kaiser Karls V.

Leben

 Seine Erziehung am spanischen Königshof Philipps II. von 1564 bis 1571 machte R. zu einem stolzen Autokraten, der alle Regierungsgewalt in seiner Person vereinigte. Durchdrungen von einer noch ganz mittelalterlichen Auffassung seiner Kaiserwürde residierte er ab 1582 ständig auf dem Hradschin in Prag, in zunehmendem Maß von seiner, auch der engeren Umgebung isoliert. Der tiefere Grund dafür lag in seiner von der Mutter her ererbten Geisteskrankheit, die besonders seine Willenskraft und in ihrem fortschreitenden Verlauf auch den Gang der Regierungsgeschäfte lähmte. Fruchtbarer wirkte dieser ungewöhnlich begabte und gebildete Herrscher auf dem von ihm in reichem Maße geförderten Gebiet der Wissenschaften und der Künste, deren bekannte und berühmte Vertreter er in seiner Residenz zu versammeln wußte, darunter die Naturwissenschaftler Tycho de Brahe und Johannes Kepler. Die leitenden Gesichtspunkte seiner am 12. Oktober 1576 angetretenen Regierung bildeten neben den von R. selbst nur sehr vorsichtig betriebenen Rekatholisierungsbestre- bungen die Stärkung seiner Herrschergewalt und damit auch seiner Zentralbehörden, die die ständische Selbstverwaltung der Ungarn entscheidend schwächte und deren Spitzenämter wie Palatinat und Primat bis 1608 bzw. bis 1597 unbesetzt ließen. Überhaupt ging die ungarische Finanz- und Militärverwaltung ganz in die Hände von Hofkammer und Hofkriegsrat in Wien und Prag über. In Reorganisation der ungarischen Landesverteidigung übertrug R. 1578 Erzherzog Karl von Innerösterreich Kommando und Verwaltung der von der Adria bis zur Drau reichenden kroatischen und windischen Militärgrenze unter dem neu errichteten Grazer Hofkriegsrat, der neue Festungen wie Karlstadt (Karlovac) anlegen und serbische Flüchtlinge als Militärkolonisten ab 1590 auch in größerer Zahl in den Grenzgebieten ansiedelte. Als Statthalter und Kommandant befehligte der in Wien residierende Bruder R.s, Erzherzog Ernst, den west- und oberungarischen Verteidigungsgürtel, zu dessen Ausbau auch die österreichischen und böhmischen Stände beitrugen. Diese durch Korruption und Mißwirtschaft wie chaotische Verwaltungsverhältnisse und Geldmangel stark beeinträchtigte und erst in späterer Zukunft bewährte Reform der Militärgrenze änderte an deren schlechtem Zustand vor allem ihrer Festungen viel zu wenig, gab aber den ungarischen Ständen auf ihren Reichstagen stets Anlaß und genügend Grund, gegen die Beeinträchtigung ihrer Rechte durch landesfremde Befehlshaber und Truppen Klage zu erheben, Steuern zu verweigern und die allgemeine Unzufriedenheit im Lande zu schüren. Auch außenpolitisch hat sich R. durch mehrere unglückliche Unternehmungen im Reich, Italien und Osteuropa zunehmend isoliert. Der Versuch, seinen Bruder Maximilian als König in Polen einzusetzen, scheiterte im Januar 1588 auch militärisch, und in dem am 9. März 1589 geschlossenen Frieden von Beuthen mußte Maximilian auf alle seine Thronansprüche verzichten. R. war daher bestrebt, die Waffenruhe mit der Pforte immer wieder, 1576, 1584 und 1592 jeweils um acht Jahre zu verlängern. Das hinderte die Türken freilich nicht daran, ihren zerstörerischen Grenzkrieg fortzusetzen, ja, seit ihrem Friedensschluß mit Persien 1590 noch auszuweiten. Nach Verlust mehrerer kroatischer Grenzfestungen (1592 Fall von Wihitsch/Bihać) wurde eine türkische Armee unter Hasan Pascha von Bosnien bei der Belagerung von Sissek (Sisak) am 22. Juni 1593 von einem österreichischen Entsatzheer vernichtend geschlagen. Auf die darauf ausgesprochene Kriegserklärung Sultan Murads III. organisierte R. beträchtliche Subsidien aus dem Reich, von Spanien und Papst Klemens VIII., der auch den Aufbau einer antitürkischen Koalition des Kaisers mit Sigismund Báthory von Siebenbürgen, Michael dem Tapferen von der Walachei, Aaron von der Moldau und Sigismund von Polen unterstützte. Das am 28. Januar 1595 zu Prag von Stephan Bocskay ausgehandelte Bündnis R.s mit dem Fürsten Sigismund Báthory, in dem dieser die Oberhoheit R.s anerkannte, brachte nur anfänglich militärische Erfolge durch die Vertreibung der Türken aus der Moldau und der Walachei. Schon 1596 ging nicht nur Erlau (am 13.10.) verloren, sondern auch der vom Erzherzog Matthias recht unglücklich angeführte Feldzug des Koalitionsheeres mit der Schlacht von Mezőkeresztes (26.10.), die den Krieg entschied, auch wenn sich dieser noch zehn Jahre im zähen Ringen um verschiedene Grenzfestungen hinzog. In das Zentrum der politischen Auseinandersetzung rückte jetzt Siebenbürgen und mit diesem Ungarn selbst, das mit dem Aufstand Bocskays die Herrschaft R.s ganz in Frage stellte. Zu seinen Ursachen zählten das militärische Eingreifen R.s in das ihm am 10. April 1598 unterstellte Siebenbürgen durch seinen Oberbefehlshaber Grafen Georg Basta, der vom Herbst des Jahres 1600 an mit seinen Söldnern über das Land eine wahre Schreckensherrschaft ausübte, ferner das immer vehementere, die ungarische Verfassung wiederholt verletzende Vorgehen der Zentralbehörden gegen den ungarischen Großgrundbesitz (Konfiszierung von Gütern) und gegen den Protestantismus in den oberungarischen Städten und in Siebenbürgen, wobei im letzten Punkt die von R. eingesetzten katholischen Bischöfe unter dem neuen Primas Franz Forgách die Führung übernahmen. Einig in der Ablehnung der habsburgischen Herrschaft machten die ungarischen Stände auf dem Reichstag zu Szerencs (17.04.1605) den gegen die kaiserlichen Truppen siegreichen Bocskay zu ihrem Anführer und Fürsten. Nur auf Drängen von Erzherzog Matthias willigte R. - allerdings nur zum Schein - in den von Matthias mit Stephan Illésházy ausgehandelten Wiener Frieden vom 23. Juni 1606 ein, der den ungarischen Ständen die Religionsfreiheit und ihre Selbstverwaltung einräumte sowie Siebenbürgen unter Bocskay als „freies Fürstentum“ mit sieben diesem angeschlossenen ostungarischen Komitaten anerkannte. Zu dem von den Ungarn ebenfalls geforderten Friedensschluß mit den Türken zu Zsitvatorok am 11. November 1606 auf der Grundlage des Status quo, aber ohne künftige Tributzahlungen, verweigerte R. hartnäckig seine Zustimmung und befahl dem Hofkriegsrat, neue Rüstungen gegen die Türken wie gegen die „rebellischen Ungarn“ einzuleiten. Uber diesen gesamten Fragenkomplex kam es nun zum Bruch zwischen R. und seinem Bruder Matthias, den am 25. April 1606 die in Wien versammelten führenden Mitglieder der Dynastie bereits insgeheim als ihr Oberhaupt und als Nachfolger R.s anerkannt, R. selbst aber für regierungsunfähig erklärt hatten. Bedrängt von dem im Oktober 1607 ausgebrochenen Haiduckenaufstand schlossen am 1. Februar 1608 die zu Preßburg versammelten ungarischen Stände nun zur Sicherung ihrer neuerworbenen Privilegien zusammen mit den österreichischen Ständevertretern mit Matthias ein Bündnis, dem sich am 19. April auch Mähren anschloß und auf Grund dessen Matthias an der Spitze einer Armee gegen Prag zog. Nach langwierigen Verhandlungen trat R. im Vertrag vom 25. Juni in Lieben bei Prag die Länder Österreich, Ungarn und Mähren an Matthias ab, sammelte aber bald darauf gegen diesen alle seine Mittel zur Rückerwerbung dieser Länder, 1610 auch Truppen unter dem Passauer Bischof Erzherzog Leopold, den R. zu seinem Nachfolger in Böhmen und im Reich ausersehen hatte. Der eigenmächtige Einfall dieses „Passauer Kriegsvolkes“ in Böhmen im Januar 1611 führte die böhmischen Stände in das Lager von Matthias, der, am 27. Mai zum böhmischen König gekrönt, R. am 11. August zur Überlassung der Regierung auch dieses Landes an ihn zwang. Noch immer von rachsüchtigen Plänen erfüllt, wenigstens die Wahl von Matthias zum römischen König zu hintertreiben, überlebte der nun fast aller Macht entledigte Kaiser seine Niederlage nur mehr ein halbes Jahr. Die schwerwiegenden, zum Teil in seiner Person selbst begründeten Versäumnisse seiner Regierung haben zum Ausbruch des großen kontinentalen Konfliktes des 17. Jh.s, des „Dreißigjährigen Krieges“ beigetragen, und der von R. heraufbeschworene habsburgische „Bruderzwist“ hat in den Ländern der Monarchie die Partikularmacht der Stände erheblich gestärkt.

Literatur

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Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)

GND: 118603701

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Empfohlene Zitierweise: Gerhard Seewann, Rudolf II., in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 62-65 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1611, abgerufen am: (Abrufdatum)

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