Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Garašanin, Ilija

Garašanin, Ilija, serbischer Politiker, * Garaši (Kreis Kragujevac) 16.1. 1812, † Belgrad 16.06.1874.

Leben

G. besuchte nach dem Elementarunterricht im Elternhause die griechische Schule in Semlin (Zemun), anschließend die deutsche Schule in Orahovica (Slawonien). Nach vorübergehender Tätigkeit als Kaufmann diente er ab 1834 in Višnjica, später in Belgrad als Zöllner und erhielt 1837 von Fürst Miloš Obrenović das Kommando des neugebildeten stehenden Heeres im Range eines Obersten. G. gehörte zur Gruppe der „Konstitutionalisten“ (Ustavobranitelji), die sich für eine Beschränkung der fürstlichen Macht und die Modernisierung des Staates einsetzten. Nach Milošs Abdankung (1839) schied er aus dem Staatsdienst aus und mußte wegen seines Eintretens für einen Dynastiewechsel mit seinen Gesinnungsgenossen Toma Vučić Pernić und Avram Petronijević nach Istanbul fliehen. Im Dezember 1841 nach Serbien zurückgekehrt, beteiligte er sich 1841/42 an Aktionen, die 1842 zum Sturz von Milošs Nachfolger Mihailo Obrenović führten; sein Vater und sein älterer Bruder Luka verloren in den von Vučić hervorgerufenen Unruhen als Gegner des Fürsten ihr Leben. Unter dem neuen, 1842 berufenen Herrscher Aleksandar Karadjordjević etablierte sich das Regime der Konstitutionalisten. Am 26. Oktober 1842 wurde G. zum Gehilfen des Innenministers Vučić berufen, nach dessen von Rußland erzwungener Landesverweisung übernahm er das Innenministerium am 7. August 1843 als Stellvertreter, am 24. September 1843 als Minister. In dieser Zeit entwickelte er sein Regierungsprogramm, dessen außenpolitischen Teil er 1844 dem Fürsten in dem berühmten Načertanije vorlegte. Dieses lehnt sich eng an den Plan des Tschechen František Zach (Franjo Zah) an, der als Emissär des ehemaligen russischen Außenministers und jetzt als ein Führer der polnischen Emigration hervortretenden Fürsten Adam Jerzy Czartoryski (1770 bis 1861) G. für den Gedanken zu gewinnen suchte, den von Serbien zu vereinenden Südslawen die Rolle eines Bollwerks gegen Österreich und Rußland zuzuweisen. G., der die völlige Unabhängigkeit des Landes, d. h. die Beseitigung der osmanischen Vasallität und der mit ihr verbundenen Aufsichts- und Interventionsrechte der Pforte sowie der türkischen Festungen auf serbischem Boden einerseits und den Schutz Serbiens vor der Einmischung vor allem Österreichs und Rußlands in seine inneren Angelegenheiten andererseits anstrebte, betrachtete die Befreiung der unter fremder Herrschaft verbliebenen Stammesgenossen und die Wiederherstellung des Reiches Stefan Dušans auf Kosten der zusammenbrechenden Osmanenherrschaft als historische Mission des Fürstentums. Diese Aufgabe stehe im Gegensatz zu dem Anspruch Rußlands und Österreichs auf das osmanische Erbe. Da bei einer Teilung Südosteuropas der westliche Balkanraum mit Serbien und dem serbischen Siedlungsgebiet außerhalb des Fürstentums der Habsburger-Monarchie zufalle, „muß Österreich unter allen Umständen ständig ein Feind des serbischen Staates bleiben.“ Serbien solle sich daher an die Westmächte, vor allem Frankreich, anlehnen, das keine territorialen Erwerbungen anstrebe; Rußland komme als Freund in Frage, wenn es statt eigener Ambitionen die serbische Politik unterstütze. Die staatliche Vereinigung aller Serben müsse durch Aufklärung und Kulturpropaganda und die genaue Erkundung der Verhältnisse in den südslawischen Nachbargebieten Serbiens vorbereitet werden, ein Gedanke, der G. zum Aufbau eines Agentennetzes unter den Serben Österreichs und der Türkei veranlaßte. Strittig ist, welche Form politisch-staatlicher Organisation G. zu diesem Zeitpunkt bei der von ihm angestrebten Zusammenarbeit mit den anderen Südslawen als Fernziel vorschwebte. Tatsache bleibt, daß er Zachs Plan einer Vereinigung aller Südslawen hinsichtlich der territorialen Aspirationen wie auch terminologisch in ein charakteristisch großserbisches Programm umformte.
Die Innenpolitik solle dieser außenpolitischen „Aufgabe“ dienen: Der zentralistische, von einem starken Fürstentum als dem Symbol der nationalen Einheit geführte Staat mit einer modernen, von dynastischen, Klientel- und Parteiinteressen freizuhaltenden leistungsfähigen Verwaltung, ein starkes Heer und ein weitverzweigtes Schulwesen müsse sich über die demokratischen Forderungen hinwegsetzen, die auf die Schwächung des Staates und die Ablenkung des Volkes von seiner historischen Mission hinausliefen. Die übliche Charakterisierung der Innenpolitik G.s als konservativ bedarf allerdings des einschränkenden Hinweises, daß der Ausbau der Staatsbürokratie und die Machtkonzentration an der Staatsspitze gerade auch die Oberschicht und ihre Institutionen (Gemeindeselbstverwaltung) traf.
Obwohl er schon ab 1844 mit Aleksandar in Konflikt geriet, weil dieser in die Laufbahn von Beamten und Offizieren zugunsten persönlicher Vertrauter eingriff, dem Anspruch der Regierung auf Beschränkung des Fürsten durch eine Kabinettsgeschäftsordnung das Prinzip der Selbstregierung entgegenstellte, vor allem aber ab 1847 auf die Bemühungen Wiens um bessere Beziehungen mit Belgrad immer mehr einging, setzte sich G. bis 1852 seiner innenpolitischen Konzeption gemäß für Ruhe, Ordnung und Loyalität gegenüber dem Fürsten ein, der ihn angesichts der wachsenden Unruhe im Lande am 25. September 1852 auch zum Ministerpräsidenten ernannte. Ein Zirkularerlaß an die Behörden zur Unterdrückung der Kritik an Regierung und Staatsmacht in der Bevölkerung gab Rußland den willkommenen Vorwand, seine Entlassung am 26. März 1853 zu erzwingen.
1855 plädierte G. in einem Memorandum an den französischen Außenminister Alexandre Walewski für einen Wechsel von Herrscher und Dynastie: Der neue Fürst sollte entweder ein ausländischer Prinz sein oder vom Volk aus einer angesehenen Familie gewählt werden. Die zweite Alternative, die verschiedentlich als Versuch G.s interpretiert wurde, sich als Thronkandidat ins Spiel zu bringen, war deutlich als Aushilfslösung gedacht. Jetzt trat G. auch für „une représentation du pays, dans une mesure restreint“ ein. Seine Beteiligung an der Verschwörung des Stefan Stefanović Tenka gegen Aleksandar läßt sich nicht nachweisen, doch trug er zu dessen Absetzung 1858 bei. Trotz G.s Mitwirkung an der Vertreibung Mihailo Obrenovićs 1842 waren die Beziehungen zwischen beiden Männern während Mihailos zweiter Herrschaft (1860 bis 1868) sehr gut. 1861 zum Ministerpräsidenten und Außenminister ernannt, ging G. mit Unterstützung des Fürsten energisch an die Verwirklichung seines Programms. Enttäuscht von der französischen Politik, die eine Entschädigung Österreichs für Venetien auf dem Balkan anregte, erweiterte er es in Richtung auf eine Zusammenarbeit aller Balkanvölker und -staaten: Neben dem Abbau der Vasallitätsbindungen an die Türkei, der 1867 in der Übergabe der Festungen einen ersten großen Erfolg zeitigte, handelte er 1861/62 mit Griechenland die Grundlagen der im Vertrag von Vöslau (26.08.1867) fixierten Allianz aus, schloß 1866 einen Beistandspakt mit Montenegro, ersetzte den 1866 angesichts der Krise der Habsburger-Monarchie entwickelten Plan einer Donaukonföderation durch das auch mit Josip Stroßmayer erörterte Projekt einer jugoslawischen Föderation unter Einschluß Kroatiens und Bulgariens, förderte die Bildung bosnischer und bulgarischer Freischaren und entschied sich 1866 für einen Krieg mit der Türkei. In dieser Phase konnte er die diplomatische und materielle Unterstützung Rußlands gewinnen. Da Fürst Mihailo an den Erfolgschancen dieser ehrgeizigen Pläne zu zweifeln begann und eine einseitige Bindung an Rußland aus Furcht vor der außenpolitischen Isolierung des Landes und vor wirtschaftlichen Nachteilen (Eisenbahnbau, Anleihen) sowie vor den materiellen Belastungen der Kriegspolitik scheute, kam er auf Andrássys Angebot einer friedlichen Zusammenarbeit mit Österreich-Ungarn aus dem Jahre 1867 zurück, das allem Anschein nach auch eine Teilung Bosniens mit Serbien vorsah. Aus Anlaß von Meinungsverschiedenheiten über Heiratspläne des Fürsten und der Designation eines Thronfolgers wurde G. am 14. November 1867 entlassen. Nach Mihailos Ermordung (10.06.1868) nahm G. an der Niederschlagung eines Umsturzversuches in Belgrad teil, zog sich aber nach der Thronerhebung des Milan Obrenović endgültig ins Privatleben zurück.
Der eher grobschlächtig wirkende G. überragte die meisten zeitgenössischen serbischen Politiker und viele seiner Nachfolger an Schärfe des Urteils, Weitsicht, taktischem Geschick und Augenmaß. Voreilige, schlecht vorbereitete Aufstandsversuche der Irredenta lehnte er ebenso ab wie außenpolitische Bravourstücke. So prägte er einen seriösen Stil realistischer Außenpolitik. Sein bürokratisch-paternalistisches Staatsverständnis, dem Serbien die Grundlagen einer geordneten Verwaltung und bemerkenswerte Fortschritte in der Entwicklung des Rechts verdankte, wurde allerdings den wirtschaftlichen und sozialen Problemen in den sechziger Jahren nicht mehr gerecht.

Literatur

Stranjaković, Dragoslav: Vlada Ustavobranitelja 1842-1853. Unutrašnja i spoljašnja politika. Beograd 1932.
Jovanović, Slobodan: Ustavobranitelji i njihova vlada. Beograd 1933.
Živanović, Živ.: Politička istorija Srbije u drugoj polovini XIX veka. Bd 1. Beograd 1933.
Čubrilović, Vasa: Istorija političke misli u Srbije u XIX veku. Beograd 1958.
Jakšić, Grgur und Vojislav J. Vučković: Spoljna politika Srbije za vlade kneza Mihaila. Prvi Balkanski savez. Beograd 1963 (mit Bibliographie).
Jelavicb, Charles: Garašanins Načertanije und das großserbische Programm. In: Südost-Forsch. 27 (1968) 131-147 (mit Bibliographie).

Verfasser

Gunnar Hering (GND: 1078119694)

GND: 118716301

Weiterführende Information (Deutsche Biographie): https://www.deutsche-biographie.de/pnd118716301.html


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Empfohlene Zitierweise: Gunnar Hering, Garašanin, Ilija, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 10-13 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=851, abgerufen am: (Abrufdatum)

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