Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Muraviev, Konstantin Vladov

Muraviev, Konstantin Vladov, bulgarischer Politiker, * Pazardžik 21.11.1893, † Sofia 31.01.1965.

Leben

M., ein Neffe Aleksandŭr Stambolijskis, trat 1918 der Agrarunion BZNS (Bŭlgarski zemedelski naroden sŭjuz) bei. Vom 12. März bis 9. Juni 1923 war er Kriegsminister in der letzten Regierung seines Onkels; in dieser Funktion bekam er bald Kenntnis von gewissen Staatsstreichplänen, hoffte aber auf die Unterstützung oder mindestens Neutralität der Armee. Der Staatsstreich einer bürgerlichen Parteienkoalition vom 9. Juni 1923 zwang M., aus Bulgarien zu emigrieren; erst nach der Amnestie von 1926 kehrte er zurück. 1927 wurde er Redakteur des BZNS-Organs „Zemedelsko zname“ (Banner der Landwirtschaft) und profilierte sich - zusammen mit Dimitŭr Gičev und Vergil Dimov - zur führenden Persönlichkeit des rechten Flügels („Vrabča 1“) der Partei, in deren Führung er ab 1928 eine zentrale Stellung innehatte. Als sich Anfang der dreißiger Jahre zu Zeiten des „Nationalen Blocks“ die BZNS wieder an der Regierung beteiligte, übernahm auch M. wieder Ministerämter: Vom 29. Juni 1931 bis zum 31. Dezember 1932 war er Volksbildungsminister, vom 31. Dezember 1932 bis 19. Mai 1934 Landwirtschaftsminister; auch diese Periode wurde wieder durch einen Staatsstreich seiner alten Gegner von 1923 beendet. Immerhin hatte M. sich in dieser Zeit das Vertrauen des Zaren Boris III. erworben. In der Folgezeit bemühte er sich, wieder im Verein mit Gičev und Dimov, die Opposition gegen die Umstürzler vom 19. Mai 1934 zu organisieren. Höhepunkt dieser Bemühungen war eine von 200BZNS-Mitgliedern gebilligte Deklaration vom 23. August 1936, in der der Staatsstreich als verfassungs- und volksfeindlich bezeichnet wurde. Im Juni 1937 war M. an der Gründung des „Zentralkomitees für die politische Amnestie“ beteiligt und Unterzeichnete eine Resolution an den Ministerpräsidenten K’oseivanov, in der Erleichterungen für politische Gefangene und eine Amnestie gefordert wurden. In den Wahlen vom März 1938 gehörte M. mit 5689 Stimmen zwar zu den erfolgreichsten Kandidaten, kam jedoch aufgrund von Bestimmungen, die die Regierungskandidaten einseitig begünstigten, nicht in die XXIV. Nationalversammlung. M.s vielfältige Aktivitäten in der bürgerlichen Opposition ließen ihn gegen Kriegsende geeignet erscheinen, eine Aufgabe von wahrhaft historischer Größe und Tragik zu übernehmen. Am 30. August 1944 beschlossen die Regenten Prinz Kiril, Filov und Michov mit Zustimmung des Ministerpräsidenten Ivan Bagrjanov, eine „Regierung der nationalen Konzentration“ zu bilden und M. zu deren Chef zu berufen. M. akzeptierte und legte schon am 31. August zwei Kabinettslisten vor, eine mit Beteiligung der Kommunisten und eine ohne diese. Die Regenten hatten einer kommunistischen Beteiligung zugestimmt, doch lehnten die Kommunisten am 1. September den Vorschlag ab, da sie nach dem Ausscheiden Rumäniens aus der Reihe der Verbündeten Deutschlands (23.08.1944) auch für Bulgarien das baldige Kriegsende erwarteten. Dadurch war M. am 1. September gezwungen, eine - nach den Worten Gičevs - in der bulgarischen Geschichte einmalige Regierung zu bilden: drei Ministerien ohne Minister und drei Minister ohne Ministerien. Am 2. September am späten Abend wurde die Regierung offiziell ernannt, die eigentliche Aufnahme der Regierungsgeschäfte erfolgte erst am Montag, dem 4. September. Am Abend verlas M. im Radio seine Regierungserklärung, die auf der ersten Kabinettssitzung ausgearbeitet worden war. Er bestätigte die schon von Bagrjanov verkündete Neutralität Bulgariens, revidierte die noch bestehenden antijüdischen Bestimmungen, verkündete eine Amnestie und nannte es die „erste Sorge“ der Regierung, „eine offene, freundschaftliche und vertrauensvolle Politik mit dem brüderlichen Rußland“ zu führen. Um diese Absicht zu unterstreichen, brach die Regierung M. am 5. September die Beziehungen zu Deutschland ab, doch konnte dieser Akt nicht verhindern, daß die Sowjetunion Bulgarien am gleichen Tag den Krieg erklärte. M. ersuchte um Waffenstillstand und verbot jegliche Gegenwehr gegen die einrückenden Truppen der sowjetischen Armee, die am 8. September bulgarischen Boden betraten. Nach Kriegsende (09.09.1944) wurde M. verhaftet und in die Sowjetunion verschleppt. Zusammen mit anderen prominenten Häftlingen traf er im Januar 1945 zur Aburteilung wieder in Sofia ein. Der Prozeß fand Ende Januar 1945 statt: Prinz Kiril, Filov, Bagrjanov und andere wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet; M. wurde eine lebenslange Haftstrafe zudiktiert, von der er jedoch nur verhältnismäßig kurze Zeit verbüßte. In seinen letzten Lebensjahren traf M. mehrfach mit jüngeren bulgarischen Historikern zu ausführlichen Gesprächen zusammen. Neuere Arbeiten bulgarischer Historiker, speziell die Studien Ilčo Dimitrovs, sprechen achtungsvoll vom „letzten bourgeoisen Regierungschef Bulgariens“ und anerkennen seine Bemühungen in letzter Stunde, für Bulgarien erträgliche Waffenstillstandsbedingungen zu erreichen. Diese grundsätzlich positive Einschätzung M.s läßt es möglich erscheinen, daß eventuell auch seine Erinnerungen publiziert werden, die er 1963 unter dem Titel „Sŭbitija i chora“ (Ereignisse und Menschen) verfaßte. Noch liegt das über 400 Seiten starke Manuskript in den Archiven der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften.

Literatur

Marinov, Ivan: Pet dni v pravitelstvoto na K. Muraviev. In: Ist. Pregled 3 (1968) 81-102.
Dimitrov, Ilčo: Vŭnšnata politika na pravitelstvoto na Ivan Bagrjanov (1 juni - 1 septemvri 1944 g.). In: God. Sof. Univ., filos.-ist. Fak. 61 (1967) 3, 183-273.
Ders.: Buržoaznata opozicija v Bŭlgarija 1939/1944. Sofija 1969.
Ders.: Bŭlgarskata demokratična obštestvenost, fašizmŭt i vojnata 1934-1939. Sofia 1972. In: God. Sof. Univ., filos.-ist. Fak. 64 (1970) 3.
Paunovski, Ivan: Misijata na Stojčo Mošanov. In: Plamŭk 13 (1971) 86-92.

Verfasser

Wolf Oschlies (GND: 107216760)

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Empfohlene Zitierweise: Wolf Oschlies, Muraviev, Konstantin Vladov, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 256-258 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1410, abgerufen am: (Abrufdatum)

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