Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Schwicker, Johann Heinrich

Schwicker, Johann Heinrich, deutschungarischer Historiker, Neubeschenowa (Ujbessenyö, Komitat Temes, heute Dudeştii Noi) 28.04.1839, † Budapest 07.07.1902, Sohn des Dorfschullehrers Johann Sch.

Leben

Nach Absolvierung des Lehrerseminars zu Werschetz 1856 war Sch. an verschiedenen Orten des Banats als Lehrer tätig, bis er 1865 die Prüfung für das Lehramt an Gymnasien in den Fächern deutsche Sprache und Literatur, Geographie und Geschichte ablegte. Im Jahre 1869 ernannte ihn Unterrichtsminister József Eötvös zum Direktor der Lehrerbildungsanstalt in Ofen. Ab 1871 lehrte Sch. am Gymnasium in der Leopoldstadt in Pest und ab 1872 als Privatdozent an der Technischen Universität der Hauptstadt deutsche Sprache und Literatur. Darüber hinaus entfaltete Sch. eine rege journalistische und wissenschaftliche Tätigkeit als Mitarbeiter mehrerer Tageszeitungen (Pester Lloyd, Wiener Presse, Augsburger Allgemeine), wissenschaftlicher Zeitschriften und Kulturmagazine, und schrieb zahlreiche pädagogische und historische Arbeiten. Mit seinen geschichtlichen Werken, die häufig eine noch kaum bearbeitete Thematik aufgriffen und dadurch die ungarische Geschichtswissenschaft bereicherten, wies sich Sch. als ein nicht nur stilistisch sehr begabter, wissenschaftlich aber leider unzureichend gerüsteter Schriftsteller aus, der dazu neigte, seine Quellen unkritisch auszuwerten und unbedenklich aus älteren Geschichtswerken abzuschreiben. Ganz auf dieser Linie liegt sein erster Versuch einer Synthese, die sich stark an Francesco Griselini („Versuch einer politischen und natürlichen Geschichte des temeswarer Banats ...“ Wien 1780) anlehnende „Geschichte des Temeser Banats“ (Groß-Betschkerek 1861, 2. Aufl. Pest 1872), ferner auch seine „Geschichte der österreichischen Militärgrenze“ (Wien, Teschen 1883), die ohne jeden wissenschaftlichen Apparat nichts anderes als eine gut lesbare, auf einen Band gekürzte und recht übersichtliche Zusammenfassung des älteren vierbändigen Spezialwerkes Franz Vaníčeks („Specialgeschichte der Militärgrenze ...“ Wien 1875) darstellt. Von ungleich größerem wissenschaftlichen Wert bleiben hier seine drei Vorstudien zur Geschichte der Militärgrenze, die jeweils Primärquellen aus den Wiener und Budapester Archiven auswerten und erschließen: „Zur Geschichte der kirchlichen Union in der croatischen Militärgrenze“ (Arch. österr. Gesch. 52 (1875) 277-400), „Die Vereinigung der serbischen Metropolien von Belgrad und Carlowitz“ (Arch. österr. Gesch. 62 (1881) 305-449) und die „Politische Geschichte der Serben in Ungarn“ (Budapest 1880) im Zeitraum von 1690 bis 1792, eine pionierhafte Gesamtdarstellung von der Geschichte der Theiß-Maroscher Militärgrenze und der illyrischen Angelegenheiten in Regierung und Verwaltung der Habsburgermonarchie. Verdienstvoll sind auch seine zwei weiteren Synthesen: „Die Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen“ (in der Reihe: Die Völker Österreich-Ungarns. Bd 3. Wien, Teschen 1881) und „Die Zigeuner in Ungarn und Siebenbürgen“ (Bd 12 der gleichen Reihe, 1883). Beide Werke mit historischen und volkskundlichen Kapiteln bilden den ersten Versuch einer zusammenfassenden Darstellung der beiden Themenkomplexe, wobei letzteres bis heute das einzige seiner Art geblieben ist. Später behandelte Sch. noch „Die nationalpolitischen Ansprüche der Rumänen in Ungarn“ (Wien 1894) und veröffentlichte eine überaus materialreiche „Geschichte der ungarischen Literatur“ (Leipzig 1889), die in ihrer Ausführlichkeit bis heute unübertroffen blieb. Nicht nur die methodischen Mängel seiner Arbeiten, sondern gerade auch sein betont konservativer, gegenüber der Dynastie Habsburg und den Kirchen sehr freundlicher Standpunkt, der seiner historischen Interpretation stets die Richtung wies, haben die nationalliberale ungarische Geschichtswissenschaft seiner Epoche häufig zu einer herben Kritik seiner Publikationen herausgefordert. Diesen seinen Standpunkt vertrat Sch. auch im politischen Leben, zunächst als Verfasser von Aufsätzen zur staatspolitischen Bildung, in den Jahren 1887-1901 sodann als Abgeordneter der Siebenbürger Sachsen (mit dem Wahlkreis Schäßburg) im ungarischen Reichstag. 1884 gründete Sch. die „Zwanglose Vereinigung von Literatur- und Kunstfreunden“, die eine hochgebildete, ausschließlich in deutscher Sprache verkehrende Tischgesellschaft in Budapest zweimal im Monat vereinigte, und die sich ihrer Vermittlerfunktion von deutscher Kultur für Ungarn durchaus bewußt war. Mit Sch. an der Spitze repräsentierte dieser Kreis noch über die Jahrhundertwende hinaus den damals allerdings bereits im Rückzug befindlichen traditionellen Typus des Ungarndeutschen, der nach den Worten Sch.s es von jeher verstanden hat, „seine Anhänglichkeit und Liebe zur angestammten Muttersprache mit den Pflichten für sein ungarisches Vaterland in Übereinstimmung zu bringen.“

Literatur

Tafferner, Anton: Donauschwäbische Wissenschaft. Versuch einer geistigen Bestandsaufnahme und einer Standortbestimmung von den Anfängen bis zur Gegenwart. 1 .Tl. München 1974, 40-60.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)


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