Peter II. (Petar II.) Petrović Njegoš, Bischof (Vladika) von Montenegro 1830-1851, * Njeguši 01.11.1813, † Cetinje 19.10.1851, Sohn von Tomo Petrović und Ivana Proroković.
Leben
P. (Taufname Rade) war von seinem Onkel Petar I. zunächst nicht zum Nachfolger bestimmt, sondern sein Vetter Djordjije. Als dieser sich während seines Rußlandaufenthaltes mehr für eine Militärlaufbahn als für das Studium an der Geistlichen Akademie in St. Petersburg interessierte, holte Petar I. P. zu sich in das Kloster von Cetinje, wo er seinen ersten Unterricht erhielt. Für seine weitere Erziehung sorgte der Mönch Josip Tropović vom Kloster Savina in der Boka (bei Hercegnovi). 1827 kehrte P. nach Cetinje zurück, wo Sima Milutinović-Sarajlija, Sekretär des Vladika und Dichter, sein Lehrer wurde. Als Petar I. am 18. Oktober 1830 starb, wurde P., wie es das Testament des verstorbenen Vladika bestimmt hatte, sein Nachfolger; er war gerade 17 Jahre alt. Er wurde sofort zum Mönch geweiht und bereits 1831 Archimandrit. An eine Bischofsweihe war zunächst nicht zu denken, da P. wegen der Unruhen in den Nachbargebieten (Aufstände von Mustafa Pascha Bushatlliu in Albanien und von Husein-kapetan Gradaščević in Bosnien) das Land nicht verlassen konnte. In diese Zeit (Oktober 1831, Februar 1832) fallen zwei ergebnislose montenegrinische Überfälle auf Podgorica. Anfang Juni 1833 reiste P. dann über Wien nach St. Petersburg, wo er am 6. August in Anwesenheit des Zaren Nikolaus I. zum Bischof geweiht wurde. Mit einer Geldspende von 10 000 Rubeln, einer Druckerei, einer Reihe von Büchern und vor allem mit großen Plänen kehrte er Ende November nach Cetinje zurück. Bald nach seiner Rückkehr errichtete er die erste Volksschule, der später weitere Schulgründungen folgten. Unter deutlicher Anlehnung an Rußland führte P. auch eine straffere Zentralverwaltung ein. An die Stelle des „Praviteljstvo suda crnogorskog i brdskog“ (Regierung des Gerichts von Montenegro und der Brda) trat der „Praviteljstvujušći senat crnogorski i brdski“ (Regierender Senat von Montenegro und der Brda) als oberste Staatsbehörde und Gerichtsinstanz, in dem 16 (bisher 50), unabhängig von Stammeszugehörigkeit und Stammesproporz ausgewählte und regelmäßig aus der Staatskasse besoldete Senatoren amtierten. Vorsitzende waren die aus russischen Diensten zurückgekehrten Montenegriner Jovan Vukotić und Matija Vučićević. Hinzu kam als Exekutivorgan die „Gvardija“ (Garde). Sie bestand aus 156 (ab 1834 aus 388) Mann, und ihr oblagen polizeiliche Aufgaben sowie der Grenzschutz. Als Organ der Lokalverwaltung schuf P. die „Kapetani“, die die Stammesältesten allmählich zurückdrängten, und schließlich die „Perjanici“ (Federbüsche) als Leibwache und spezielle Polizeitruppe. Über allen stand P. als Vladika mit absoluter Herrschergewalt; das Amt des „Guvernadurs“ hatte er bereits 1832 abgeschafft und die Familie Radonjić des Landes verwiesen. Der bald nach Regierungsantritt unternommene Versuch einer Steuererhebung ließ sich dagegen nur mit Waffengewalt und daher unregelmäßig durchführen, da die montenegrinischen Stämme die Steuer als eine Neuauflage der türkischen Kopfsteuer auffaßten. Bei all diesen Zentralisierungsmaßnahmen konnte es nicht ausbleiben, daß Unzufriedenheit entstand und sich eine innere Opposition zu regen begann. Den Gegnern P.s gelang es sogar, sich in russischen Regierungs- und Hofkreisen Gehör zu verschaffen. U. a. wurde ihm vorgeworfen, er habe russische Unterstützungsgelder für Montenegro veruntreut. Die Auswirkungen dieser Intrigen bekam P. zu spüren, als er im November 1836 zu seiner zweiten Rußlandreise aufbrach: In Wien erhielt er vom russischen Botschafter zunächst kein Visum, und in Pskov wurde er von den russischen Behörden aufgehalten, so daß er erst im Mai 1837 in St. Petersburg eintraf. In seiner Abwesenheit hatte man sogar in Cetinje durch den russischen Konsul in Dubrovnik, Jeremija Gagić, eine Untersuchung wegen der gegen P. erhobenen Vorwürfe durchführen lassen. Die Vorwürfe erwiesen sich dabei als haltlos. In der russischen Hauptstadt gelang es auch P. selbst, alle Beschuldigungen zu entkräften. Mit der Zusage einer jährlichen russischen Finanzhilfe von bis zu 9000 Dukaten kehrte der Vladika nach Montenegro zurück. Daß das russische Mißtrauen doch noch nicht ganz geschwunden war, davon zeugt allerdings die Tatsache, daß man ihm den Oberstleutnant J. N. Ozereckovskij mitgab, der sich in Cetinje über die Lage der Dinge informieren sollte.
In den folgenden Jahren bemühte sich P. vor allem um eine Regelung der Grenzfragen. Nach langwierigen Verhandlungen mit den Österreichern gelang P. im Juli 1841 die Festlegung der Grenze Montenegros zu den österreichischen Besitzungen in Dalmatien. Montenegro mußte die beiden auf dalmatinischem Gebiet gelegenen Klöster Majine und Stanjeviće abtreten, erhielt dafür aber einen förmlichen Vertrag und hatte damit seine erste feste Grenze. Zwar war mit diesem Vertrag keine völkerrechtliche Anerkennung der montenegrinischen Unabhängigkeit gegeben, da P. mit den österreichischen Provinzbehörden, nicht aber mit der Wiener Regierung verhandelte. Dennoch muß die Tatsache, daß Wien den Vertrag genehmigte und daß die Pforte dabei überhaupt nicht eingeschaltet wurde, als de facto Anerkennung gewertet werden. Am 24. September 1842 schloß P. in Dubrovnik mit Ali Pascha Rizvanbegović von der Herzegowina ebenfalls einen Grenzvertrag, in dem von den „nezavisne oblasti Crne Gore“ (unabhängigen Gebieten Montenegros) die Rede war. Nicht so erfolgreich waren die Versuche P.s, die Verhältnisse an der Südgrenze zu Albanien zu regeln. Der Pascha von Skutari, Osman Pascha Skopljak, besetzte Mitte September 1843 die montenegrinischen Inseln Vranjina und Lesendro. Dadurch wurden nicht nur Handel und Fischfang, sondern auch die Verteidigungsstellung Montenegros geschwächt. An eine Rückeroberung war, da Montenegro weder über Schiffe noch über Geschütze verfügte, nicht zu denken. Auch P.s persönliche Intervention in Wien im Frühjahr 1844 bei der österreichischen Regierung und bei der russischen Botschaft in Wien fruchtete nichts. Sein Türkenhaß, der früher bei ihm nicht zu bemerken gewesen war, steigerte sich noch, als der Skutariner Pascha montenegrinische Grenzstämme (Piperi, Vasojevići, Kuči) gegen ihn aufzuwiegeln begann. Das Revolutionsjahr 1848 erweckte in P. neue Hoffnungen auf eine einheitliche Aktion aller Südslawen nicht nur gegen die Türken, sondern auch gegen die Ungarn. Dem kroatischen Banus Graf Josef Jelačić bot er sogar montenegrinische Unterstützung im Kampf gegen die Ungarn an, ohne daß von dem Angebot Gebrauch gemacht wurde.
Ab Mitte 1849 litt P. an schwerer Lungen-Tuberkulose. Winter und Frühjahr 1850/51 verbrachte er in Italien, und im Sommer 1851 war er noch einmal in Wien, um Genesung von seinem Leiden zu suchen, aber vergeblich. Der Dichter Ljubomir Nenadović hat in seinen „Pisma iz Italije“ (Briefe aus Italien) ein zutiefst menschliches Bild von diesen letzten Monaten im Leben P.s gegeben. Als P. im Juli 1851 nach Cetinje zurückkehrte, war er bereits vom Tode gezeichnet. 1855 hat er auf dem Gipfel des Lovćen seine letzte, von ihm selbst gewünschte, und heute leider durch einen Neubau verschandelte Ruhestätte gefunden. Bekannter als Politiker wurde P. als Dichter; er gilt als einer der größten, wenn nicht der größte der serbischen Literatur. Sein Hauptwerk ist zweifelsohne das Epos „Gorski vijenac“ (Der Bergkranz), entstanden 1846, das an ein Ereignis anknüpft, dessen Historizität umstritten ist - an die Renegatenausrottung, die montenegrinische Bartholomäusnacht, die P. in das Ende des 17. Jh.s verlegt. Sein zweites historisches Werk „Lažni car Šćepan Mali“ (Der falsche Zar Stefan der Kleine), abgeschlossen 1847, schildert eine abenteuerliche Episode aus der montenegrinischen Geschichte, die Herrschaft des angeblich russischen Zaren Peter III., des ermordeten Gatten der Zarin Katherina II. Von den übrigen Werken ragt noch das religiös-philosophische Epos „Luča Mikrokozma“ (Strahlen des Mikrokosmos) hervor, das das weltanschauliche und religiöse Bekenntnis des Dichters darstellt.
Literatur
Popovič, Petar I.: Crna Gora u doba Petra I i Petra II. Beograd 1951.
Durković-Jakšić, Ljubomir: Bibliografija o Njegošu. Beograd 1951.
Djilas, Milovan: Njegoš, oder Dichter zwischen Kirche und Staat. Wien, München, Zürich 1968.