Dragumis, Nikolaos, griechischer Politiker, Publizist und Schriftsteller, * Istanbul 10.04.1809, † Athen 9.03.1879, Sohn von Markos D.
Leben
Als D.’ Vater wegen seiner Tätigkeit in der Geheimorganisation „Filiki Eteria“ nach Ausbruch der Revolution 1821 von den türkischen Behörden gesucht wurde und nach Odessa entfloh, wurde D. mit seiner Mutter festgenommen, bald aber wieder freigelassen. Von der Mutter wurde er mit seinem Bruder zunächst nach Psara und Paros, dann nach Naxos gebracht, wo er die katholische Lazaristen-Schule besuchen konnte. 1825 ging er nach Nauplia, auf den Peloponnes hinüber und wurde - während der Aufstand in vollem Gang war - zum Sekretär der bei Ermioni, dann bei Troezen tagenden Nationalversammlung (1827).
Nach Ankunft des ersten griechischen Staatspräsidenten, Ioannis Kapodistrias (1828), wurde er in dem unter der Leitung von Spiridon Trikupis stehenden Sekretariat des Präsidenten eingestellt. Nach der Ermordung Kapodistrias' am 9. Oktober 1831 wechselte er ins „Sekretariat“ (Ministerium) des Äußeren über. Nach der Ankunft König Ottos wurde er zum „Sekretär“ (Minister) des Königlichen Hauses ernannt.
Von 1834 bis 1836 war er dann Präfekt der Kykladen und von 1836 bis 1839 Ministerialrat im Marineministerium. In dieser Zeit wirkte er bei der Abfassung einer Reihe von Gesetzen mit, die die Handelsmarine betrafen. 1839 wurde er seines Amtes enthoben. Bis 1843 war er dann als Mitarbeiter der Zeitung „Äon“ tätig und arbeitete auf eine konstitutionelle Monarchie hin. Nach dem Aufstand vom September 1843 gegen Otto und der Erkämpfung einer Verfassung kehrte er ins Marineministerium zurück. 1844 wurde er ins Innenministerium zur Vorbereitung der ersten Parlamentswahlen berufen, bald aber vom Ministerpräsidenten Ioannis Kolettis wieder entlassen (Juli 1845), da er in einer Reihe von Artikeln in der Zeitung „Athena“ die Politik der Kolettis-Partei, der sog. „Französischen Partei“, kritisiert hatte (D. war Anhänger der „Englischen Partei“ von Alexandros Mavrokordatos).
Von nun an widmete er sich der Publizistik. Von 1847 bis 1849 war er bei der Redaktion der Zeitschrift „Efterpi“ tätig. 1849 gründete er mit Konstantinos Paparrigopulos und Alexandros Rangavis die bedeutende Zeitschrift „Pandora“, deren Redaktion er ab 1856 allein übernahm. Während des Krimkrieges und der griechischen Intervention in Thessalien gab er die Zeitung „Le Spectateur de l’Orient“ heraus (1853), die sich ausschließlich mit der orientalischen Frage befaßte. D. forderte den Eintritt Griechenlands in den Krieg gegen die Türkei.
Bei der Cholera-Epidemie in Athen (1854-1855) arbeitete er im Ausschuß für deren Bekämpfung mit. In Anerkennung seiner Dienste wählten ihn die Athener von 1856 bis 1862 zum Stadtrat.
Kurz vor der Revolution vom 10. Oktober 1862 trat er dem Otto-freundlichen Kabinett von Geneos Kolokotronis als Außenminister bei. Nach der Entthronung Ottos zog er sich von der Politik zurück.
D. war neben A. Rangavis ein typischer Vertreter derjenigen gebildeten Griechen, die den „Fanariotismus“ nach Griechenland verpflanzt haben. Er war, wie sie, ein pflichttreuer Beamter, ohne politischen Weitblick, oft in der Vergangenheit verfangen. Auch betrieb er einen Nepotismus, wie er für die griechische Politik und das geistige Leben in Griechenland lange nach der Unabhängigkeitserklärung charakteristisch war. Seine „Memoiren“ (Istorike Anamnisis, 1874; 5. Aufl. 1973) sind trotz ihres trivialen Stils und ihrer teilweise oberflächlichen Betrachtungsweise als Zeitschilderung noch heute brauchbar.
Literatur
Filimon, Timoleon: N. Dragumis. In: Parnassos 3 (1879) 289-329.
(Vovolinis): Mega Ellinikon Viografikon Lexikon. Bd 3. Athen 1960, 410-443.
Sachinis, Apostolos: O N. Dragumis os logotechnikos kritikos. In: Ellinika 18 (1964) 97-119.