Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

Nikephoros II. Phokas
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Nikephoros II. Phokas

Nikephoros II. Phokas, byzantinischer Kaiser 963-969, * Kappadokien um 912, † Konstantinopel 10./11.12.969, Sohn des Bardas Phokas.

Leben

N. entstammte einem bedeutenden kleinasiatischen Adelsgeschlecht. Unter seinem Vorgänger Romanos II. zeichnete er sich als General aus. In den Jahren 960/961 eroberte er Kreta zurück, das anderthalb Jahrhunderte in den Händen der Araber gewesen war, und 961/2 erkämpfte er bedeutende Siege gegen die Hamdaniden in Kilikien und Syrien. Nach dem Tod Romanos’ II. (963) wurde er vom Heer zum Kaiser ausgerufen; die Kaiserin-Witwe Theophano erkannte die Proklamation an, aber den Widerstand des ersten Ministers Joseph Bringas mußte N. in blutigem Straßenkampf brechen. Am 16. August 963 wurde er gekrönt und einen Monat später heiratete er Theophano. Die Nachfolgerechte seiner Stiefsöhne Basileios (II.) und Konstantin (VIII.) tastete er nicht an. Als Vertreter des Landadels stoppte N. den Kampf der Regierung gegen die Ausdehnung des Großgrundbesitzes und schaffte 967 das Vorkaufsrecht der armen Bauern auf freikommenden Boden der Magnaten ab. Ebenfalls unterband er die Möglichkeit, gegen Bodenverfremdung zugunsten von reichen Eigentümern aus der Zeit vor der großen Hungersnot von 927 zu appellieren. Das System der Soldatengüter festigte er, indem er dafür einen Mindestwert festsetzte, der den Besitzer in die Lage versetzen sollte, für seine neue schwere Ausrüstung aufzukommen. Dadurch trug er indirekt zur Entstehung eines Kleinadels bei. Als dem Staatsinteresse nicht entsprechend und dem Ideal der Kirche und des Mönchtums zuwiderlaufend, betrachtete N. den Großgrundbesitz „der toten Hand“. Sein Verbot von 964, neue Klöster oder Kirchen zu errichten, es sei denn in öden Gegenden, oder bestehenden Land zu schenken, hat ihn aber kaum überlebt, wie auch später der Versuch Manuels I. (1143-1180), es neuzubeleben, ergebnislos blieb. Seine wichtigste Aufgabe sah N. in der Bekämpfung der Araber. Der Kampf gegen den Islam war für ihn ein heiliger Krieg, und er wollte alle in diesem Streit gefallenen Soldaten als Märtyrer verehrt sehen. Er nahm denn auch bald seinen durch den Tod Romanos' II. unterbrochenen Eroberungszug in Kilikien wieder auf. Im Sommer 965 wurden nach langer Belagerung die Städte Tarsos und Mopsuestia eingenommen, und etwa zur gleichen Zeit eroberte die byzantinische Flotte Zypern. In den folgenden Jahren wurde noch Nordsyrien mit Antiochien hinzugewonnen, und der Emir von Aleppo mußte den byzantinischen Kaiser als Herrn anerkennen. Auf dem Balkan war die Politik des N. weniger erfolgreich. Als Gesandte der Bulgaren 965 die üblichen Tributzahlungen verlangten, erhielten sie freilich statt Geld Peitschenhiebe. Da N. aber den Krieg im Osten für wichtiger hielt, zog er nicht selbst gegen die Bulgaren, sondern forderte den russischen Fürst Svjatoslav auf, gegen Bezahlung eine Strafexpedition gegen sie zu unternehmen. Dieser aber ging weiter, als der byzantinische Kaiser beabsichtigt hatte, und zog die Herrschaft über die Bulgaren an sich (968/9). Um dieser gefährlichen Entwicklung zu begegnen, plante N. Heiratsverbindungen der beiden präsumptiven Nachfolger auf den byzantinischen Thron, seiner Stiefsöhne Basileios und Konstantin mit zwei bulgarischen Prinzessinnen (969), die aber nicht zustandekamen. Mit noch einem anderen Problem wurde N. konfrontiert. 968 erschien in Konstantinopel eine Gesandtschaft des abendländischen Kaisers Otto I., des Großen, in dessen Namen Liudprand von Cremona eine Heirat zwischen dem Sohn Ottos und einer Tochter Romanos' II. aushandeln sollte; dabei sollte die Braut als Mitgift Süditalien einbringen. Im Bewußtsein der wachsenden Macht seines Reiches lehnte N. es ab, Otto als Kaiser anzuerkennen, protestierte gegen dessen Einmischung in Italien und wies das Heiratsprojekt schroff zurück. Doch war eine Expedition, die N. schon 965 ausgesandt hatte, um Sizilien zu erobern, mit einer Katastrophe geendet. N. war trotz seiner Erfolge kein populärer Kaiser. Seine kriegerischen Unternehmungen bedeuteten eine schwere Belastung für das Volk, das unter drückenden Steuern, Münzverschlechterung und Preissteigerungen zu leiden hatte. Auch am Hof war der Kaiser nicht beliebt. Weder seine äußere Erscheinung noch sein Charakter konnte jemand für ihn einnehmen. Er lebte asketisch und suchte den Umgang mit frommen Sinnesgenossen. Seine besondere Verehrung galt dem hl. Athanasios, dem Gründer der großen Laura auf dem Athos, und die Entwicklung dieses Zentrums mönchischen Lebens wurde von ihm gefördert. Die Kaiserin Theophano aber wandte sich von ihrem frommen Mann ab und wurde die Geliebte eines ehemaligen Freundes ihres Gatten, des in Ungnade gefallenen Johannes Tzimiskes. An ihn verlor N. auch seinen Thron. Durch ein verräterisches Komplott des Liebespaares wurde er in der Nacht vom 10./11. Dezember 969 beseitigt.

Literatur

Schlumberger, Gustave: Un empereur byzantin au Xe siècle: Nicéphore Phocas. Paris 1890 (Neudruck 1923).
Grierson, Philipp: Nomisma, tetartéron et dinar: un plaidoyer pour Nicéphore Phocas. In: Revue Belge de Numismatique 100 (1954) 75-84.
Ostrogorsky: S. 238-243.
The Cambridge Medieval History. IV. The Byzantine Empire. 1. Byzantium and its Neighbours. Hrsg. Joan M. Hussey. Cambridge 1966, 147-156, 720-722.
Jenkins, Romilly J. H.: Byzantium. The Imperial Centuries AD 610-1071. London 1966, 270-291.
Turdeanu, Émile (Hrsg.): Le dit de l’empereur Nicéphore II Phocas et de son épouse Théophano. Thessalonique 1976.
Lampsidis, Odysseus: Ein unbekannter Kunstgriff des Nikephoros Phokas bei der Landung auf Chandax (Kreta) (960). In: Byzant. Z. 69 (1976) 9-12.

Verfasser

Jan Louis van Dieten (GND: 1047967324)


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Empfohlene Zitierweise: Jan Louis van Dieten, Nikephoros II. Phokas, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 315-317 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1451, abgerufen am: (Abrufdatum)

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