Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Bajcsy-Zsilinszky, Endre

Bajcsy-Zsilinszky (vor 1925: Zsilinszky), Endre, ungarischer Politiker und Publizist, * Szarvas 6.06.1866, † Sopronkőhida 24.12.1944, aus einer unbegüterten Gentry-Familie.

Leben

B. studierte die Rechte in Klausenburg, Leipzig und Heidelberg (1906-1907). Anschließend diente er bei den Honvéd-Husaren. 1911 kam es zum Konflikt mit dem Bauernführer von Békéscsaba, András Áchim. Politische Differenzen und gekränkte Familienehre veranlaßten die Brüder B., Áchim zur Rede zu stellen und ihn dabei zu erschießen. Das Gericht sprach sie frei. 1912 war B. Sekretär des Obergespans des Árvaer Komitates und erwog materieller Sorgen wegen die Auswanderung nach Amerika. 1914 rückte er als Leutnant ein, 1916 wurde er schwer verwundet, meldete sich 1917 wieder freiwillig und kehrte nach Kriegsende dekoriert zurück.
1918 gründete B. mit Gömbös den „Ungarischen Landesverteidigungsverein“ (MOVE = Magyar Országos Véderő Egylet), schloß sich der Gruppe von Szegedin an und setzte sich für Horthys Wahl zum Reichsverweser ein. Damals war B. Redakteur des „Szózat“, eines Blattes chauvinistischer, rassistischer Prägung. 1922 wurde er Abgeordneter, distanzierte sich aber von Graf Bethlen, der im Sinne einer Konsolidierung die Umtriebe von Szegedin zu unterbinden suchte, und gründete 1923 mit Gömbös die „Rassenschutzpartei“ (Fajvédőpárt). 1925 wurde er in den „Vitéz-Orden“ aufgenommen, in den Kreis der für Horthy einstehenden militaristisch und revisionistisch ausgerichteten neuen Oberschicht, eine Art Pseudo-Adel. Jetzt nahm er den Namen seiner mütterlichen Familie, Bajcsy, an. 1927 trat Gömbös wieder der Regierungspartei bei, B. entfernte sich aber immer mehr von ihm und von der Engstirnigkeit der „Idee von Szeged“. Zu seiner Tischgesellschaft gehörten zu dieser Zeit schon alte Liberale, Horthy ablehnende alte k.u.k. Offiziere, Legitimisten, Publizisten und Ökonomen auch jüdischer Herkunft. 1928 erschien sein politisches Wochenblatt „Előörs“. Schon hier, wie noch stärker im 1932 gegründeten „Szabadság“, gab er Stimmen der Agrarreformer, Populisten (Dorfforscher) Platz, wie dem links verrufenen Dichter Attila József. Sein selbstloses, kompromißloses und unkorrumpierbares Wesen ermöglichte ihm Kontakte mit allen Gruppen der Opposition, deren Weg er allmählich selber einschlug. 1930 gründete er die „Nationale Radikale Partei“ (Nemzeti Radikális Párt) und wurde 1931 für den Tarpaer Wahlbezirk Abgeordneter. Er setzte sich für die Bodenreform ein und entwickelte vage Vorstellungen von einer „Solidarisierung der mitteleuropäischen Völker zwischen Deutschland und Rußland“ und einer Verständigung der Völker im Donautal. 1932 wurde Gömbös Ministerpräsident, und schon 1933 nahm B. heftig gegen ihn Stellung wegen seiner Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland und warnte vor dessen Expansionspolitik. 1935 verhinderte Gömbös mit brutalem Wahlterror (offene Wahlen!) sein Mandat, worauf B. seinen „Rang als Mitglied des Vitéz-Ordens ablegt“. Er fusionierte 1936 widerwillig mit der „Unabhängigen Kleinlandwirtepartei“ und wurde 1939 mit deren Hilfe Abgeordneter für Tarpa. „Der einzige Weg ist der ungarische Bauer“, lautete sein Programm. Er zeichnete sich durch eine starre Ablehnung des Nationalsozialismus und des Bolschewismus aus.
1940 reiste B. nach Belgrad zur Vorbereitung einer ungarisch-jugoslawischen Allianz. Nach 1941, dem Jahr der ungarischen Kriegserklärung, forderte er in seinen Interpellationen, Briefen, Artikeln und Memoranden - an Horthy, an die Ministerpräsidenten Bárdossy und Kállay - den Kriegsaustritt, die Verhinderung der Terrorakte und Massenmorde beim Vormarsch ungarischer Truppen auf jugoslawischem Gebiet (Neusatz, Zsablya; Opfer waren hauptsächlich Juden und Serben), die Untersuchung und Verurteilung der Verantwortlichen. Er nahm mit Sozialdemokraten und Kommunisten Kontakt auf, exponierte sich für inhaftierte Kommunisten und rassisch Verfolgte, beschwor Horthy und Kállay, ihre lavierende Politik aufzugeben und die Gefahr von seiten der ungarischen Rechtsextremisten nicht zu übersehen. Er verlangte die Rückgewinnung der ungarischen „Neutralität, Selbstbestimmung und Freiheit“ auch um den Preis einer deutschen Besetzung, da „eine gewaltsame besser sei als eine friedlich geduldete“, und eine militärische Auseinandersetzung mit den Deutschen für die Zukunft besser als eine mit den Angelsachsen. Am 19. März 1944 wurde er nach kurzem Kampf von der Gestapo verhaftet, am 10. Oktober den ungarischen Behörden übergeben, am 15. Oktober aber, gerade dem Tag der Machtübernahme durch die rechtsextremistischen Pfeilkreuzler (Szálasi), freigelassen. B. stellte sich nun an die Spitze der ungarischen Resistance (Magyar Nemzeti Felszabadító Bizottság), wurde am 22. November von den Pfeilkreuzlern gefaßt und im Gefängnis von Sopronkőhida erhängt. Er wurde 1945 seinem Wunsch entsprechend in Tarpa feierlich beigesetzt.
Von Freunden wurde B. als „ungarischer Don Quijote“ und als „letzter Romantiker“ bezeichnet. Dieser „Ritter ohne Furcht und Tadel“, der im 20. Jahrhundert für die Staatsidee des hl. Stephan kämpfte, hatte dennoch den Mut, der Realität ins Auge zu sehen: „Uns retten vor den Deutschen nur Gott oder die Sowjets ... doch Gott ist weit, und Malinowskij und die Rote Armee stehen in den Karpaten.“

Literatur

Féja, Géza: Szabadcsapat. Budapest 1956.
Pintér, István és Rozsnyói Ágnes (Hrsg.): Bajcsy-Zsilinszky-dokumentumok. In: Századok 99 (1965) 172-205.
Dernői Kocsis, László: Bajcsy-Zsilinszky. Budapest 1966.
Ignotus, Paul: Die intellektuelle Linke im Ungarn der „Horthy-Zeit“. In: Südost-Forsch. 27 (1968) 148-241.
Vígh, Károly (Hrsg.): Kortársak Bajcsy-Zsilinszky Endréről. Budapest 1969.

GND: 119351072

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